Prolog
Ach! Könnt’ ich doch wie Goethe sein!
Was schlüpft’ ich in sein Genie hinein!
Ich würde Verse komponieren,
hohe Dichtkunst zelebrieren,
einfach klug und geistreich sein.
Doch spür’ ich schon zum vornherein,
der grosse Meister bin ich nicht.
So soll denn dieses Leichtgewicht
an Dichterkunst nur eins erreichen,
die Ehre dick zu unterstreichen,
die unserem Geburtstagskind gebührt,
hat’s doch in Hunderten von Jahren,
geschafft, seine Schönheit zu bewahren.
Wer es wohl sein mag, den wir loben?
Der die Altersgrenzen aufgehoben,
so schön und jung geblieben ist?
Für den man bunte Flaggen hisst,
wir mit Inbrunst Hymnen singen,
Musik und Lieder lassen klingen?
Auf den Höhen Feuer zünden,
und immer wieder neu verkünden,
sie hätte ihren eig’nen Reiz?
Logisch! Es ist die Schweiz!
Unser Land! Mit der Geschichte!
Von der ich liebend gern berichte,
doch sei erst einmal vorgetragen
was sich kürzlich zugetragen.
Natürlich – es war Übermut,
und letztlich tat’s der Seele gut!
Doch glücklich war ich zunächst nicht,
denn ich verlor’ die Übersicht!
Ich hatte Angst, sah die Gefahr,
war allein und angreifbar.
Doch was soll ich lang erzählen,
mich mit den Ängsten nochmals quälen,
klüger ist, mich zu besinnen
und die Geschichte zu beginnen.
wo sie ihren Anfang nahm,
und wie es zur Burleske kam:
Friedlich geht die Nacht spazieren,
ich geh’ mit ihr, leg’ mich zur Ruh,
deck’ mich mit Mond und Sternen zu,
lass’ mich mit Träumen ausstaffieren.
Doch auf dem Weg durch diese Nacht –
die Kirchenuhr hat drei geschlagen –
bin ich plötzlich aufgewacht.
Und ich –
von süssen Träumen weggetragen –
hör’ ein Geschrei, ein fürchterlich’ Gezeter:
wer schreit so laut, als ging’s um’s Leben?
Himmel nur und Donnerwetter!
Ist da jemand in der Not?
Sind es Menschen, sind’s Gespenster?
Wird da jemand gar bedroht?
Ich steh’ auf und geh’ an’s Fenster,
mach’ das Licht aus, schau’ hinaus
und seh’ drei Männer vor dem Haus.
Was tun die da in Hirtenhemden?
Mit langen Bärten, die nicht enden?
Sechs nackte Füss’, von Riemen festgehalten?
Na klar! Die drei nächtlichen Gestalten
steh’n auf der Bühne, spielen Possen,
glauben, sie wären die drei Eidgenossen!
Zumal – man stelle sich das vor –
fangen die noch an zu singen
Es dringt die Hymne an mein Ohr!
Vor Freud’ könnt’ ich die drei umschlingen!
Denn waren sie zu Beginn der Nacht
Auch laut und lärmende Idioten –
Sie haben alles wieder gut gemacht,
sind’s doch drei echte Patrioten!
Denk’ste!
Heben sie auch die Hand zum Schwur,
und du glaubst, das wär’ ne Feier,
was sie tun, sie schwören nur –
auf Schweizer Eier!
Die Verzweiflung
Ob die drei Eidgenossen
vor siebenhundertachtzehn Jahren
wohl auch so fröhlich waren?
Nein!
Nicht Freude erhitzte ihr rasend Blut –
es war ein Feuer, es waren Zorn und Wut!
Im Buch der Geschichte zu lesen,
den Weg mit ihr zurückzugehen
und zu verstehen,
was einst gewesen,
macht die Gnade
unserer Freiheit erst gewahr.
Zu erahnen, wie es war
mit unseren Ahnen,
als sie in dunkler Nacht,
in ihrer Seele aufgebracht,
und ungeachtet der Gefahren,
aus übervollen Herzen willens waren,
ihr aller Blut und Leben
für das höchste Gut zu geben,
lässt ihre Verzweiflung miterleben.
Denn frei wollten sie sein! Frei
von Unterdrückung und Tyrannei,
der Vögte roher Knechtschaft
und gebieterischer Herrschaft.
Nie wieder der Freiheit entsagen
und das unselige Leid ertragen,
geschändete Kinder
und Frauen zu beklagen.
Der Hoffnungslosigkeit zu entfliehen,
furchtlos in den Kampf zu ziehen,
die Freiheit zu erlangen,
und zu sühnen
die Missetaten der Verräter,
die an ihrem Volk und Vätern
begangen,
war der Söhne innigstes Verlangen.
Mutigen Herzens wollten sie es wagen,
den Herrschern den
Gehorsam zu versagen,
sich der Gebieter zu erwehren
und zu schützen,
was sie vom Volk begehrten,
zu leben nach eigenen Gesetzen,
und zu vertreiben die Mächte,
die das Land besetzten.
Kaiser, Könige und Tyrannen,
Potentaten und Despoten,
die mit Tod und Fesseln drohten,
Habsburger und Alemannen,
waren wie
Päpste, Äbte und die Pfaffen –
wenn nötig gar mit schweren Waffen –
aus dem Lande zu verbannen.
Denn das Land, auf dem sie standen,
war der Väter Land.
Die Erde war das Band,
das die Söhne mit den Vätern verband,
und durch keine Macht, keine Gefahr
je wieder zu durchtrennen war.
Die Männer, von solch’ Leidenschaft
getrieben, trugen die Botschaft
hinaus in’s Land,
dorthin,
wo sich Unterstützung fand,
von Freunden, bereit,
sich furchtlos zu erheben
und für die Freiheit
ihr Blut und Leben zu geben.
Gemeinsam wollten sie
das Bündnis ihrer Väter erneuern,
und mit Glut im Herzen beteuern,
das Recht auf Freiheit
ewig zu bewahren,
frei zu sein, wie ihre Väter waren,
und nie wieder gepeinigt.
Als ein einzig Volk geeinigt!
Der Schwur
Unter dem schwarzen Mantel der Nacht,
mit Nauen und Booten zum Rütli gebracht,
dorthin,
wo ein kleines Feuer brannte,
und ein jeder jeden kannte,
standen die Männer dicht an dicht
in des Feuers kleinem Licht.
Es war still. Die Stille war zu hören.
Keiner sprach ein Wort.
In sich gekehrt, standen sie dort,
wo Gipfel in den Himmel reichen
und Bäume Schattenbildern gleichen.
Wo Menschen und Tiere schliefen,
nur Vogelkinder nach ihren Eltern riefen.
Die Luft war schwül und schwer.
Der Wind, vom Gotthard her,
trug auf seinen Flügeln
ein leises Grollen,
gerade so, als würden Murmeln rollen.
Doch plötzlich, von Winden angetrieben,
lässt sich der Mond vom Himmel schieben.
Sein Schein erlosch.
Der Sturm nahm zu.
Erst war es nur ein Flöten, ein leises Summen.
Doch kurz darauf ein kellertiefes Brummen,
dann ein Krachen und ein Dröhnen,
als würd’ ein tausendfacher Chor ertönen.
Gewitterwolken durch den Himmel sausen,
im Geleit ein helles, schrilles Brausen.
Der Donner rollt. Der Blitze Licht
nur kurz die Finsternis durchbricht,
dann hat es Petrus ausgemacht,
und wieder wurd’ es dunkle Nacht.
Die Menschen horchten in die Nacht hinein.
Sie hörten, wie Winde mit den Bäumen spielten,
wie sich Blätter an den Ästen hielten,
wie der Regen auf Gesichter tropfte,
und der Sturm an Stein und Felsen klopfte,
wie er mit Macht die Wälder peitsche
und irgendwo ein Adler kreiste.
Die Natur war zornig.
Für eine Weile war sie aufgebracht.
Dann hat Petrus
das Mondlicht wieder angemacht.
Die Himmelslichter
erhellten der Männer bleiche Gesichter.
In ihren triefend nassen Hirtenhemden,
und andachtsvoll gefalt’nen Händen,
standen sie noch immer an ihrem Ort,
und noch immer sprach keiner ein Wort.
Das Feuer war aus.
Dumpf verhallend, hört man den Donner
über dem See.
Regentropfen in ihrem silbernen Glanz,
begleiten die steuerlosen Boote
bei ihrem nächtlichen Tanz.
Die letzten Wolken nordwärts fliegen,
und Winde nur noch sanft die Wipfel biegen.
Die Welt scheint lautlos dazuliegen.
Bis Walter Fürst zu den Männern sprach
und seine Stimme die Stille durchbrach:
Freunde, wir sind hergekommen,
weil wir uns Grosses vorgenommen.
Wir wollen um die Freiheit ringen,
und unserem Volk den Frieden bringen.
Wir wollen einander schützen vor Gefahren,
einander vor Gewalt und Tod bewahren,
einander helfen und vertrauen
und ein Land der Freiheit bauen.
Drum Freunde, reichen wir uns die Hände
und beten, dass Gott uns Hilfe sende.
Wir bitten um seinen Segen
und Beistand auf unseren Wegen,
die wir so lange mannhaft gehen,
bis wir das Licht der Freiheit sehen.
Der Weg ist weit – seid ihr bereit?
Und Walter Fürst bat seine Freunde,
treu und gottergeben
die Hände zum Schwur zu erheben.
Und sie sprachen den Eid.
Das Vermächtnis
Und wieder ging die Nacht spazieren,
ich ging mit ihr,
liess’ mich erneut mit Träumen ausstaffieren.
Doch,
war es – wie in jener Nacht?
als ich aufgewacht,
und die drei Männer sah?
Und mich fragte:
was tun die da?
Hab’ ich wieder nur geträumt,
und die Wahrhaftigkeit versäumt?
Ist’s vielleicht doch nur Legende?
Wie immer man es wende:
Die Geschichte gibt’s zum Lesen,
und ich hab’ nur erzählt,
was einst gewesen.
Und so hat das Gelöbnis jener Nacht
uns – die wir hier stehen –
zu freien Menschen gemacht.
Doch bedenket,
das Gelöbnis
ist auch ein Vermächtnis.
Die Freiheit zu bewahren,
frei zu sein, wie unsere Ahnen waren,
ist unser aller Weg.
Ihn gemeinsam zu gehen,
zueinander zu stehen,
einander zu vertrauen,
und auf das Land zu bauen,
ist das Erbe.
Lasst es uns feiern!
Jahr für Jahr!
So heiter, wie’s schon immer war!
Doch wehe!
Es begehre
einer unser höchstes Gut!
Er wird es reuen!
Denn in unser’n Adern
fliesst noch immer das feurig’ Blut,
und in unseren Herzen
das Begehren,
uns zu wehren!
Drum bleibe es beschlossen:
wir sind die tapferen Eidgenossen!